Wie viele Waldzithern hat C. H. Böhm gebaut?

Da keine genauen Produktionszahlen der Firma Böhm überliefert sind, sind auch hier nur grobe Schätzungen auf Basis der zur Verfügung stehenden Hinweise möglich. Ein erster Anhaltspunkt ist eine Angabe von C. H. Böhm im Vorwort seines Liederheftes "Grillenscheucher". Dort heißt es: "Daß die Waldzither sich bald in ganz Deutschland einbürgern wird, beweist, daß in Hamburg bereits 5.000 Stück gebaut und verkauft wurden". So ist zu lesen unter anderem in Vorworten von Heften aus den Jahren 1912 und 1917-1919 (welche über viele Jahre hinweg unverändert abgeduckt wurden).

Einen Hinweis auf das Entstehungsdatum dieses Vorwortes gibt dabei der folgende Satz: „… als vor 12 Jahren die erste kleine Gruppe Waldzitherspieler einen Ausflug über die Elbe und dann zu Fuß mit Sang und Klang nach dem Harburger Wald machte …“. Da im Katalog von 1912 ein Foto einer großen Wandertour zur Insel Finkenwerder im Jahr 1899 abgedruckt ist, dürfte der von Böhm im Vorwort seiner Grillenscheucher erwähnte Ausflug in den Harburger Wald bereits 1897 oder 1898 stattgefunden haben und das Vorwort, das auf ihn Bezug nimmt, um 1910 geschrieben worden sein.

Demnach hätte die Firma Böhm in den ersten gut 10 Jahren ihrer Existenz bereits 5.000 Waldzithern gebaut. Damit korresondiert auch Böhms Angabe in einer Annonce im "Hamburger Anzeiger" von September 1905, er habe bereits ca. 4000 Waldzithern verkauft. Martina Rosenberger schätzt auf Basis der Zahlenangaben aus dem Grillenscheucher sowie dem Katalog von 1912, Böhm habe pro Jahr ca. 500  Waldzithern hergestellt. Bei gleichbleibender Produktion wäre dann bis 1942 eine Zahl von 22.500 Instrumenten gebaut worden (zum Vergleich: Martin-Gitarren wurden in der Zeit von 1898-1942 ca. 75.000 hergestellt).

Es gibt weitere Hinweise, die eine ähnliche Größenordnung andeuten; so schreibt Böhm zum Beispiel im Katalog von 1912, es seien bereits über 5000 Schüler ausgebildet worden. Und im Adressbuch der Stadt Hamburg in den Jahren 1915-1917 gibt er die Zahl seiner Schüler mit 6.000 an, in den Jahren 1918-1920 mit 8.000. Damit ist sicher ebenfalls nicht die Zahl der aktuellen Schüler gemeint, sondern die Gesamtzahl seiner Schüler seit Gründung der Firma.

Dazu muss man wissen, dass Böhms Verkaufsmodell darin bestand, vor dem Erwerb einer Waldzither erst eine kostenlose Probestunde anzubieten: Wer sich dann für den Kauf eines eigenen Instrumentes entschied, konnte sich zunächst ein Übungsinstrument ausleihen und bereits mit dem Unterricht beginnen, bevor er/sie genügend Geld zusammengespart hatte, um sein eigenes Instrument zu erhalten. Die Erwartung war natürlich (so schreibt Böhm auch ausdrücklich im Katalog von 1912), dass man bis dahin die Qualitätsunterschiede zwischen den verschiedenen Instrumenten erkannt hatte und sich entschied, noch ein wenig länger zu sparen, bis man sich ein höherwertiges Instrument leisten konnte. Wer an solchen Unterrichtsabenden nicht teilnehmen konnte oder wollte, erhielt mit dem Erwerb seines Instrumentes kostenlos eine erste Schule zum Selbstunterricht dazu.

Es ist zu vermuten, dass Böhm bei der Angabe seiner Schülerzahlen beide Gruppen mitgezählt hat - jene, die zunächst mit dem Unterricht auf einem Übungsinstrument begannen (der Katalog von 1912 berichtet, davon seien 250 Stück im Einsatz), aber auch jene, die mit dem Erwerb eines eigenen Instrumentes eine Waldzither-Schule dazu erhielten. In beiden Fällen wäre jedoch mit dem Unterricht auch der Erwerb eines eigenen Instrumentes verbunden gewesen.  

Ein weiteres Indiz für die Größenordnung der Böhm’schen Waldzitherproduktion sind die im Katalog von 1926 abgebildeten Fertigungsräume und -maschinen sowie das Warenlager, welches nach Angaben von Böhm 400 Instrumente umfasst.

Nun mag es sein, dass Böhm aus werbetechnischen Gründen die Zahl seiner Schüler teilweise etwas nach oben „aufgerundet“ hat; dies gilt ganz sicher für die Tatsache, dass er seine Schülerzahl im Adressbuch von 1921 plötzlich mit 20.000 angibt (im Vorjahr waren es noch 8.000). Allerdings ist zu berücksichtigen, dass sich die wechselnden Zeitumstände ganz sicher auch im Absatz seiner Instrumente niederschlugen: Die Produktions- und Verkaufszahlen werden von den ersten kleinen Anfängen der Firma über die Zeit des Ersten Weltkriegs, die goldenen 20er Jahre (zu deren Beginn die Firma Böhm auch räumlich expandiert), die Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre und den Beginn des Zweiten Weltkriegs ganz sicher nicht konstant gewesen sein.

Aus dem Raum Markneukirchen ist zum Beispiel bekannt, dass die Weltwirtschaftskrise zwischen 1929 und 1933 zu einem fast vollständigen Erliegen der Musikinstrumentenproduktion geführt hat, so dass Väter zum Teil sogar ihre eigenen Söhne aus der Firma entlassen mussten, weil sie sie nicht mehr bezahlen konnten. Dass Böhm die Auswirkungen dieser Wirtschaftskrise ebenfalls beim Absatz seiner Instrumente zu spüren bekam, belegt nicht zuletzt die Einführung eines reduzierten Einstiegsmodells, das er in einer Preisliste von 1934 zum Verkauf anbietet.

Nimmt man all diese Überlegungen zusammen, so scheint die Vermutung, die Firma Böhm habe im Laufe der etwa 45 Jahre ihrer Existenz (jedoch wohl nicht schon bis 1921) mehr als 20.000 Wald- zithern hergestellt, sicher nicht zu hoch gegriffen. Mehr als die grobe Abschätzung einer solchen Größenordnung ist aber derzeit leider nicht möglich.

Auch dies führt allerdings zu der Frage, wie viele dieser Instrumente bis heute erhalten sind und wo sie sich befinden. Dokumentiert ist nur ein verschwindender Bruchteil davon, der sich im Bereich von 1-2% bewegt.

Das ist zu wenig, um repräsentativ zu sein, aber genug, um auf seiner Basis Vermutungen über einige Größenordnungen zu machen, zum Beispiel, wie oft Böhm welches Modell gebaut hat. Dabei zeigt sich Modell Nr. 1/Nr. 1 A mit etwa 40% der Waldzitherproduktion ganz klar als Spitzernreiter, gefolgt von den Modellen Nr. 1 B und Nr. 2 mit jeweils etwa 20%; die übrigen Modelle befinden sich allesamt im einstelligen Prozentbereich.

Doch auch dies stellt eine erhebliche Größenordnung dar; so würden zum Beispiel die 7 heute bekannten Waldzithern Nr. 4 in absoluten Zahlen mehr als 450 Instrumente dieses Typs repräsen-tieren. Selbst wenn dies zu hoch gegriffen sein sollte, weil die Besitzer dieser Instrumente besonders pfleglich mit ihnen umgegangen sind: Wo sind diese Instrumente heute: Zerstört? Gehegt und gehütet als Familienandenken? Weggepackt und vergessen auf irgendwelchen Speichern oder in irgendwelchen Kellern?

Geht man davon aus, dass die Walddolinen in ähnlicher Weise die Zeit überdauert haben wie ihre größeren Geschwister, so würde dies bedeuten, dass von ihnen sogar an die 1.000 Exemplare hergestellt wurden.

Ähnliches gilt auch für die frühen Böhm-Instrumente bis etwa 1904 mit den hohen Mechaniken: Von ihnen müssten ebenfalls mindestens 800 Stück gebaut worden sein, wenn nicht sogar deutlich mehr, weil von ihnen relativ betrachtet ganz sicher weniger Exemplare erhalten sind als von den in den 1920er und 1930er Jahren hergestellten Instrumenten. Die Fotos großer Gruppen von Waldzitherspielern aus der Frühzeit der Firma Böhm sind zumindest ein Indiz dafür, dass solche Zahlen nicht völlig aus der Luft gegriffen sind. Böhm selbst gibt die Zahl von Leuten, die seine Waldzither spielen, bereits im Dezember 1898 mit 400 an.

Von der gleichen Unsicherheit ist auch die generelle Frage geprägt, in welchem Zeitraum Böhm wie viele Instrumente gebaut hat. Auch hier ist die Statistik nur bedingt aussagekräftig: Es ist weder genau bekannt, welche Signaturen wie lange verwendet wurden (das betrifft gerade die späten, häufig verwendeten Zettel), noch, wie die Instrumente die Zeit überdauert haben: Zwei Weltkriege zu überstehen ist sicher schwerer als nur einen, zudem sind die ersten Böhms über 40 Jahre älter als die letzten. Klar erkennbar ist allerdings, dass die ab 1920 hergestellten Instrumente den allergrößten Teil der heute noch erhaltenen Böhms ausmachen, nämlich ungefähr 75%. Dies dürfte nicht nur für Sammler, sondern auch für Verkäufer und Käufer von Böhm-Waldzithern eine wichtige Angabe sein, die nicht ohne Relevanz ist für den Preis, den man für ein Instrument erwarten kann.