Geschichte der Firma C. H. Böhm

Leider sind keine Geschäftsunterlagen der Firma Böhm überliefert, so dass zum Beispiel nicht bekannt ist, wann wieviele Personen in der Firma beschäftigt waren oder wieviele Instrumente sie im Laufe der 45 Jahre ihrer Existenz hergestellt hat. Trotzdem lassen sich ein paar Daten angeben, die einen groben Eindruck von der Entwicklung des Unternehmens vermitteln können. Sie basieren größtenteils auf Zeitungsanzeigen sowie Einträgen zu C. H. Böhm und seiner Firma in den Adress- und Telefonbüchern der Stadt Hamburg und in der Zeitschrift für Instrumentenbau, die 1880-1943 erschien und in der die wichtigsten Anmeldungen und Erteilungen von Patenten, Gebrauchsmustern und Warenzeichen sowie Verlängerungen von Schutzfristen im Bereich der Musikinstrumenten-produktion mitgeteilt wurden.

1897 erfolgt die Gründung der Firma. Die erste Spur seiner Tätigkeit als Waldzitherfabrikant ist die Anmeldung des Namens "Waldzither" im Zeichen-Register des Patentamts (25. Mai 1897, die Registrierung erfolgt am 5. Oktober 1897).

C. H. Böhm meldet auch gleich zwei Gebrauchsmuster beim Patentamt an: No. 77344 (am 11. Juni 1897) "Waldzither, bestehend aus einem Guitarrenkörper mit Metallbesaitung" und No. 80548 (am 12. August 1897) "Vorrichtung zum Befestigen und Spannen von Saiten auf Musikinstrumenten, bestehend aus in der Zugrichtung liegenden Schraubenspindeln und zu Haken ausgebildeten Schraubknaggen". Letzteres ist die Schrauben- oder Fächermechanik der Böhm-Instrumente; dies belegt unzweifelhaft ein frühes Exemplar, in das die D.G.R.M.-Nummer 80548 eingestanzt ist.

Als Adresse gibt C. H. Böhm beim Patentamt die Helenenstraße 4 im Hamburger Stadtteil St. Georg an, ein Eintrag im Adressbuch ist unter dieser Adresse jedoch nicht zu finden.

Schon 1897 gibt Böhm eine eigene Waldzither-Schule zum Selbstunterricht heraus, er bietet aber auch Kurse zum Erlernen des Instruments an. Schon bald folgen die ersten gemeinsamen Wander- touren von Gruppen von Waldzither-Spielern, die sich offenbar schnell großer Beliebtheit erfreuen.

Am 18. Dezember 1898 bewirbt C. H. Böhm seine Waldzither (inklusive Unterricht) im "Hamburger Anzeiger" und erklärt, sie werde derzeit in Hamburg von ca. 400 Personen gespielt. Er gibt seine Adresse erstmals mit Am Borgesch 18 an (ebenfalls in St. Georg).

Am 13. Juli 1899 wird im "Hamburger Anzeiger" für den 16. Juli eine "Lustfahrt" mit dem Dampfer nach Cuxhaven angekündigt, die unter Beteiligung von C. H. Böhm's Waldzither-Club stattfinden soll.

Am 8. Juni 1900 lässt Böhm die (jeweils drei Jahre währende) Schutzfrist für seine Waldzither  verlängern, verzichtet aber auf eine Verlängerung der Schutzfrist für seine Mechaniken. Im selben Jahr erscheint er unter der Adresse Am Borgesch 18 erstmals im Adressbuch der Stadt Hamburg, und zwar als Waldzither-Fabrikant.

Ab 1901 bewirbt Böhm seine Instrumente im Adressbuch der Stadt Hamburg in der folgenden Weise: "Zithern: Böhm’s, C. H., Patentirte Waldzithern. Die erste Zither ohne Spieltisch, mit und ohne Noten, auch als Mandoline u. Cymbal zu spielen". Diese Beschreibung deutet darauf hin, dass die Bezeich- nung "Waldzither" zu dieser Zeit noch keineswegs allgemein bekannt war (ab 1906 ließ Böhm seine Firma im Gewerbeteil des Adressbuchs auch unter Guitarren, Zithern und Mandolinen eintragen). Zudem bemüht Böhm sich offenbar, Leute, die mit anderen Spieltechniken vertraut sind (Mandoline, Tischzither, Cymbal) für sein Instrument zu gewinnen; tatsächlich stellt die Firma auch Cymbal-Hämmer her und bietet sie bis in die 1930er Jahre in ihren Katalogen zum Verkauf an.

In einem Nachtrag zum Adressbuch der Stadt Hamburg von 1903 wird der Steinthorweg 2 als neue Adresse angegeben, auch dieser befindet sich in St. Georg. Die drei Adressen, unter denen C. H. Böhm in Hamburg gewohnt hat, sind tatsächlich nur wenige 100m voneinander entfernt.

   Auszug aus einem Hamburger Stadtplan von 1899
 

Am 6. April 1904 meldet Böhm beim Patentamt unter der Nr. 73575 die Walddoline als Warenzeichen an, die Registrierung erfolgt am 3. November 1904. Vermutlich aufgrund des zum Teil recht langen Vorlaufs der Meldungen für die Einträge erfolgt der Hinweis auf den Musterschutz der Walddoline im Adressbuch erst ab 1906.

Im Adressbuch von 1906 bewirbt Böhm neben Waldzithern und Walddolinen auch die Herstellung von Guitarren, Mandolinen und Mandolinolas. Nach dem bisher Gesagten könnte man vermuten, dass dies nur andere Bezeichnungen für seine Waldzithern und Walddolinen sind, tatsächlich ist aber durch eine Postkarte von 1904 die Existenz einer 6-saitigen Gitarre mit Böhm'schen Schrauben-mechaniken belegt. Dies ist jedoch bisher der einzige Nachweis, dass Böhm solche Gitarren hergestellt hat. 

Am 23. Juli 1909 lässt sich C. H. Böhm das Waren-Zeichen "Waldzither" schützen.

1910 Böhm erhält einen Telefonanschluss, welcher zunächst (März 1910) die Nummer III, 9028 hat. Im Telefonbuch der Stadt Hamburg ist er jedoch noch im gleichen Jahr mit der Nummer Gr. 4. 6825 verzeichnet; der Eintrag der Telefonnummer im Adressbuch erfolgt im Jahr darauf.

Am 21. September 1910 erhält C. H. Böhm den Copyright-Schutz auf Waldzither-Arrangements der folgenden drei Stücke: "Heinerle, Heinerle, hab' kein Geld" (Rheinländerduett aus "Der fidele Bauer" von Victor Leon und Leo Fall), "Die Kirschen in Nachbars Garten" (von Julius Freund und Victor Hollaender) und "Wir tanzen Ringelreihn" (aus "Die Dollarprinzessin" von Leo Fall). Als Verlag ist der Harmonie Verlag in Berlin angegeben. Der Copyright-Schutz für die ersten beiden Stücke wird am 24. Juni 1938 verlängert, für das letzte Stück am 27. August 1938.

Am 4. Februar 1914 meldet Böhm unter der Nr. 290006 beim Patentamt ein "Saiteninstrument mit hohlem Griff" zum Patent an und fügt eine ausführliche Skizze bei. Das Patent gilt dabei keineswegs nur der Waldzither, sondern bezieht sich auf "Saiteninstrumente wie Waldzithern, Mandolinen, Gitarren, Lauten u. dgl., deren Hals aus Aluminium hergestellt ist". Nach Auskunft der Zeitschrift für Instrumentenbau besteht die patentwürdige Neuerung darin, "daß die hölzerne Griffplatte in der Längsrichtung in den muldenförmigen Aluminiumhals in der Weise eingeschoben ist, daß die Platte zu beiden Seiten auf der ganzen Länge in Führung läuft und die Wände der Mulde derart ausein-anderspreizt, daß sie auch, wenn das Holz eintrocknet, stets festgeklemmt bleibt."

Böhm ließ sein Patent auch in die Signaturen seiner Instrumente eindrucken, musste es dort aber offenbar wieder durch einen schwarzen Balken überdecken, wenn die betreffenden Instrumente nicht tatsächlich einen solchen Aluminiumhals mit Griffbrettführung besaßen. Bis heute ist nur eine einzige Böhm-Waldzither mit Hals aus Aluminium bekannt, dies könnte daran liegen, dass mit Beginn des Ersten Weltkriegs die gesamten deutschen Aluminium-Bestände für Kriegszwecke gebraucht wurden, so dass Böhm nur einige wenige solche Instrumente hat herstellen können. 

Im Branchenteil des Hamburger Adressbuchs findet sich 1915 zum letzten Mal ein Eintrag auch in der Rubrik "Guitarren". Zudem nennt Böhm erstmals die Zahl seiner Schüler und gibt sie mit 6000 an. Das meint vermutlich, dass seit Gründung der Firma 6.000 Schüler an seinen Unterrichtskursen zum Erlernen des Waldzither-Spiels teilgenommen haben.

1918  erwähnt Böhm bei seinen Einträgen im Branchenverzeichnis ein "Deutsches Reichs-Patent": Es ist ihm offenbar doch gelungen, nach Ende des Ersten Weltkriegs Instrumente nach Maßgabe seines Patents von 1914 herzustellen (das oben abgebildete Instrument stammt von etwa 1920; weitere Bilder hier), jedoch ohne, dass die Produktion nennenswerte Stückzahlen erreicht hätte. Die Zahl seiner Schüler gibt Böhm nun mit 8.000 an.

Im Telefonbuch ist C. H. Böhm zudem mit einer neuen Nummer verzeichnet; diese lautet nun: Alster 6825. Auch diese Nummer lässt sich in der Folgezeit auf den Etiketten seiner Instrumente finden.

Außerdem wird Böhm im Grundbuch als Eigentümer des Hauses am Steintorweg 2 eingetragen, ab dem folgenden Jahr ist er auch im Adressbuch der Stadt Hamburg als Eigentümer verzeichnet.

Schon bald darauf verlegt Böhm seine Wohnung in die 1. Etage, um Platz für die expandierende Firma zu schaffen: Ab 1920 ist die Firma im Adressbuch nicht mehr im Erdgeschoss allein, sondern in Erdgeschoss und 1. Etage verzeichnet; die Privatwohnung liegt nun ebenfalls nicht mehr im Erd- geschoss, sondern im 1. Stock. 

Ausdruck der Expansion der Firma ist auch die Tatsache, dass Böhm die Zahl seiner Schüler ab 1921 mit 20.000 angibt. Das mag aus werbetechnischen Gründen vielleicht etwas hoch gegriffen sein, ist aber doch ein Hinweis auf das Florieren des Unternehmens. Ein Hinweis auf steigende Produktions-zahlen ist zudem die Tatsache, dass die weitaus meisten heute bekannten Böhm-Instrumente Signaturen aus den 20er und 30er Jahren tragen.

Am 5. Oktober 1921 lässt Böhm einen "Kapotaster" (im Katalog von 1926 als Nr. 2 abgebildet) sowie eine "Einrichtung an Saiteninstrumenten zur Führung und Intonation der Saiten" beim Patentamt als Gebrauchsmuster registrieren. Worum es sich bei dieser "Einrichtung an Saiteninstrumenten" handelt, hat sich noch nicht klären lassen.

Nach 1928 wird die Walddoline im Branchenverzeichnis der Stadt Hamburg nicht mehr beworben, sie wird aber offenbar weiter hergestellt, wie Exemplare aus der Zeit um 1940 belegen.

Noch einmal erhält die Firma eine neue Telefonnummer: 1931 wird diese zunächst mit B 4 Steintor 2375 angegeben, ab 1932 dann mit 242375.

C. H. Böhm stirbt am 1. September 1934. Im Gewerbeverzeichnis der Stadt Hamburg von 1935 steht bei der Waldzither-Fabrik von C. H. Böhm bereits der Zusatz "Nachlaß". Im Branchenverzeichnis findet sich derselbe Zusatz in der Ausgabe von 1936; dabei wird Ernst Böhm als Fabrikant erwähnt, obwohl dieser bereits am 14. April 1935 starb.

Ab 1937 lautet die Adresse der Firma Böhm nicht mehr Steint(h)orweg 2, Hamburg 5, sondern Steint(h)orweg 2, Hamburg 1. Grund hierfür ist das Groß-Hamburg-Gesetz vom 26. Januar 1937 (in Kraft getreten am 1. April 1937). Mit diesem Gesetz, welches die umliegenden Ortschaften einge-meindete und Hamburg zur Großstadt machte, war auch eine Neuordnung der Innenstadtbezirke verbunden.

Über das Ende der Firma Böhm herrschte lange Zeit völlige Unklarheit. Die Tatsache, dass die Firma GEWA noch bis in die 1960er Jahre hinein " original Böhm-Waldzithern " herstellte, die sich in Bauweise und Etiketten kaum von den echten Böhm-Instrumenten unterscheiden, ließ hier eine Verbindung vermuten; welcher Art diese Verbindung war, blieb dabei jedoch völlig offen. Ende der 1980er Jahre erhielt Jochen Wiegandt auf seine Anfrage hin von der Firma GEWA die Auskunft, Georg Walther, der Gründer der damals noch in Adorf/Vogtland ansässigen Firma, habe die Firma Böhm zwischen 1931 und 1938 erworben. Unterlagen über diesen Vorgang würden jedoch nicht mehr existieren, auch Kataloge aus der damaligen Zeit seien, so ergab 2002/2003 eine Nachfrage von Martina Rosenberger, nicht mehr vorhanden.

Der Auskunft, die Firma Böhm sei spätestens 1938 an Georg Walther verkauft worden, steht jedoch eine Fülle von Indizien entgegen, die darauf hindeuten, dass die Firma auch nach dem Tod von C. H. Böhm Anfang 1935 noch längere Zeit in Hamburg tätig war, zunächst offenbar unter der Leitung seines Sohnes Ernst. Dies belegen nicht nur zahlreiche Einträge in Telefonbuch, Adressbuch und Branchen-verzeichnis der Stadt Hamburg, sondern auch die in statistischer Hinsicht nicht unerhebliche Zahl von Böhm-Instrumenten, die aufgrund des auf dem Zettel als "Hamburg 1" angegebenen Postbezirks nicht vor 1937 hergestellt worden sein können.

Die Einträge in Telefonbuch, Adressbuch und Branchenverzeichnis deuten alle darauf hin, dass die Firma Böhm bis 1941 oder 1942 in Hamburg existiert hat, zugleich gibt es aber auch starke Indizien, dass diese noch von Böhms Witwe Margarethe Caroline Andresen verkauft wurde, bevor sie im Oktober 1942 starb: 

a) Bis einschließlich 1942 ist die Firma C. H. Böhm im Adressbuch der Stadt Hamburg im Haus am Steintorweg 2 verzeichnet, Margarethe Böhm zudem als Eigentümerin des Hauses. Als Ort der Fabrik ist dabei wie in den Jahren seit 1920 das Erdgeschoss und die 1. Etage genannt, für die Wohnung von Margarethe ebenfalls die 1. Etage. Im Eintrag von 1943 fehlt die Firma jedoch und als Ort für Margarethes Wohnung ist nun das Erdgeschoss angegeben. Angesichts der Vorlaufzeiten für die Herstellung von Adressbüchern steht dieser Adressbuch-Eintrag von 1943 nicht im Widerspruch zu Margarethes Tod am 22. Oktober 1942. Dies ist ein klares Indiz dafür, dass die Firma 1941 oder 1942 noch von Margarethe selbst verkauft wurde, woraufhin sie nach Freiwerden der Räume noch für kurze Zeit ins Erdgeschoss zog.

b) Da ein Teil der Verwandtschaft von Margarethe Andresen gegen Ende des 19. Jahrhunderts in die USA ausgewandert war, zog sich die Klärung der Erbschaftsansprüche bis in die 1950er Jahre hin; dies ist durch den Schriftwechsel des Nachlassverwalters mit einem der Erben belegt. Wäre die Firma Böhm bei Margarethes Tod noch in ihrem Besitz gewesen oder nach ihrem Tod ein Verkauf der Firma getätigt worden, so wäre das in diesem Schriftwechsel dokumentiert. Dort ist aber nur vom Haus am Steintorweg 2 und von einem Sommerhaus am Rand der Stadt die Rede, die beide erst nach Klärung der Erbschaftslage gegen Mitte der 1950er Jahre in die Hände neuer Besitzer übergingen.